Journalistisches Essay

Lügenpresse, auf die Fresse. Wir Medienmacher sind beleidigt, denn uns wird allerhand unterstellt: Wir unterschlügen Informationen, heißt es aus dem Publikum. Wir seien gesteuert von der Regierung, verbreiteten Unwahrheiten. Unsere Glaubwürdigkeit steht auf dem Spiel, und das tut weh. Wir halten dagegen: Moment, wir sind doch diejenigen, die die Kompetenz besitzen, Sachverhalte zu recherchieren, zu hinterfragen, einzuordnen. Wir allein können die Plausibilität von Fakten prüfen. Wir sind doch die Unparteiischen, die objektiv berichten. Sind wir das wirklich?

Unsere Redaktionen sind heute weitgehend homogen besetzt: gutbürgerlicher Hintergrund, Abitur, Auslandsjahr, "Was mit Medien"-Studiengang, Redakteur. Egal, ob "Bild" oder Bento, ob "SZ" oder "ze.tt", ob "WiWo" oder "Welt Online": Ein großer Teil der Journalisten unter 50 verfügt über gleichlautende Biografien, Werdegänge und Lebenserfahrungen, die zu einem nahezu identischen Weltbild führen. Und unsere Freunde sind auch - alles Medienleute. Die abgeschlossene Lebenswelt der Journalisten führt zunehmend zu einer ganz eigenen Wahrnehmung der Realität. Ein klarer Fall von "Blinder Fleck" - während wir die Filterblasen unseres Publikums beklagen, sind wir für unsere eigene Filterblase blind.

Statt Recherche lieber gleich eine Meinung haben

Wir haben immer weniger Zeit für Außentermine oder Recherche. Damit haben wir auch immer weniger persönlichen Kontakt zu anderen Menschen, Weltbildern und Ansichten. Was wird auf Plausibilität abgeklopft und was wird von vornherein als plausibel abgehakt, weil es wunderbar in unser Weltbild passt? Und mit wem in der Redaktion, mit wem in unserem Umfeld wollen wir denn wirklich kontrovers debattieren, wenn alle dieselben Ansichten haben?

Sind wir noch diejenigen, die Sachverhalte recherchieren und dann einordnen? Onlineredakteure wissen genau, dass ein objektiver Bericht, eine klassische nachrichtliche Headline im Netz und vor allem in den Social-Media-Kanälen unterdurchschnittlich klickt. Auf der Jagd nach immer mehr Reichweite funktioniert alles, was polarisiert, eine starke Meinung nach außen schreit. Und so wird die journalistische Dreifaltigkeit Hinterfragen-Recherchieren-Einordnen allzu oft darauf reduziert, gleich eine Meinung zu haben und sich den Rest zu schenken. Dann wirkt es ein wenig wie Heuchelei, erst das Publikum mit möglichst polarisierenden, eindimensionalen Headlines aufzuwiegeln, um sich danach öffentlich über "diese Wut und diesen Hass" bei den Leserkommentaren zu sorgen.

Erziehungsjournalismus mit "Ich"-Botschaft

Sind wir diejenigen, die objektiv berichten? Auf der Re:publica 2017 sollten führende Redakteurinnen junger Onlinemagazine beschreiben, wie sie ihre Zielgruppe an die mitunter sperrigen Politik-Themen des Wahljahrs heranführen werden. Die Antworten klangen streckenweise so, als sei die unparteiische und ausgewogene Berichterstattung dem Erziehungsjournalismus zum Opfer gefallen. Zur Frage, wie denn mit der AfD redaktionell umzugehen sei, wurde zurückgefragt: "Versuchen (sic!) wir jetzt weiter objektiv Bericht zu erstatten?" Um sich dann selbst die Antwort zu geben, man wolle dieser Partei dann doch nicht so viel Raum in der Berichterstattung geben. Das "ich finde", "ich denke", "wir in der Redaktion meinen aber" rangiert offenbar über der Dienstleistung, ausgewogen zu berichten und den Leser seine eigene Meinung bilden zu lassen.

Nach dem Brexit und der Trump-Wahl kam ein kurzer Moment der Selbsterkenntnis - die Leser, die Wähler, leben zum Teil offenbar in irgendeinem anderen, weitgehend unbekannten Universum. Doch bevor irgendwer den Gedanken weiterdenken konnte, hatten wir schon einen besonders schönen Erklär-Ansatz parat: WIR sind die "Elite" - und diese Leser, diese Wähler, die nicht so denken wie wir, das sind die "Abgehängten". Vom Praktikanten bis zum Chefredakteur, alles "Elite", die auf ihrem selbstgebastelten Podestchen um das fehlgeleitete "Volk da unten" bangt. Und in all diesen besorgten Artikeln, die darüber sinnierten, dass die "Politik- und Medien-Elite" den Bürger nicht mehr versteht, schwang auch immer ein Quäntchen selbstzufriedener Überheblichkeit mit.

Wir bleiben auf dem hohen Ross und klatschen sogar Beifall, wenn es dem Community-Management gelingt, besonders schlagfertig und sarkastisch auf ungelenk formulierte Publikumsmeinungen zu reagieren. "Haha", rufen da die Lehrerkinder, die Arztsöhne und Professorentöchter, "seht nur, wie eloquent WIR sind. Seht nur, wie dumm die anderen sind." Auf der Re:publica flackerte zumindest kurz so etwas wie Selbsterkenntnis auf: "Wir kreisen wahnsinnig um uns selbst", reflektierte eine junge Kollegin. "Vielleicht müssen wir davon weggehen, dass wir nur Leute haben, die auf einer Journalistenschule waren."

Wer mit den anderen Akademikern ohne Außenkontakt im Office-Knast mit Kicker sitzt, versteht den Brandenburger Hartzer, den Hamburger Polizisten und die Kassiererin aus Göttingen tatsächlich nicht mehr.

Wege aus der Blase

Wir können die Redaktionen wieder diverser besetzen und öffnen für Quereinsteiger und Bewerber ohne akademische Abschlüsse, aber mit frischen, authentischen Sichtweisen. In dem verzweifelten Wunsch, sich zu verjüngen, haben viele Redaktionen in den vergangenen Jahren versucht, gerade die älteren, angeblich technisch nicht versierten Redaktionsmitglieder loszuwerden. Deren umfassendere Lebenserfahrung fehlt nun auch.

Wir können die Zugänge zu journalistischen Ausbildungen so gestalten, dass auch Arbeiterkinder und Migrantenkinder eine größere Chance haben, das Auswahlverfahren zu bestehen. Wir können lernen, andere Blickwinkel und Biografien zu schätzen, anstatt sie auszugrenzen. Wir können einen regelmäßigen Realitäts-Check in Ausbildungen und Redaktions-Weiterbildungen installieren. Was spricht gegen das Fach "Horizont erweitern" neben Reportage-Übung und Snapchat-Storytelling? Wenn Journalisten-Schulen und Redaktionen regelmäßig Fachleute der Medienbranche zum Gespräch laden, können in der gleichen Regelmäßigkeit auch Polizistinnen und Kassierer, Sanitäter und Rentnerinnen, Türsteher oder Soldatinnen aus ihrer Realität berichten.

Wir können wieder mehr Zeit für Recherche und Themenentwicklung einplanen, gerade in Onlineredaktionen. Dass sich mit den ganzen voneinander abgeschriebenen, auf den jeweiligen Redaktionssprech kuratierten Mittelmaß-Artikeln mit Rechtschreibfehlern kein Blumentopf mehr gewinnen lässt, dürfte sich herumgesprochen haben. Ein eigener Zugang zu einem Thema, Besinnung auf den eigenen Markenkern und eigene, reflektierte Inhalte lassen sich nur herstellen, wenn die Journalisten auch ein Mindestmaß an Zeit haben, sich mit einem Thema zu befassen. Dann wird vielleicht sogar wieder telefoniert, anstatt nur im eigenen Saft zu twittern.

Wir können es den Onlineredaktionen der "Süddeutschen" und der "Zeit" nachmachen. Den Kollegen war bereits aufgefallen, wie wenig miteinander gesprochen wird. Mit dem Democracy Lab fahren die "SZ"-Redakteure durch Deutschland, um gerade in kleineren Ortschaften und Städten mit den Lesern über deren Leben zu reden. "Zeit Online"-Chefredakteur Jochen Wegner schrieb einen ganzen Artikel darüber, wie er sich im Rahmen des "Deutschland spricht"-Projekts seiner Redaktion mit jemandem außerhalb seiner Filterblase traf. Mal einfach mit Leuten reden, die eine andere Meinung haben - früher Journalisten-Alltag, heute innovatives Projekt. Und von diesen Projekten brauchen deutsche Medien noch viel, viel mehr.

Wir können einen Advocatus Diaboli einstellen. Jemanden, der den Mainstream der eigenen Redaktion-Denke hinterfragt und keine Hemmungen hat, immer wieder den ganzen Lehrerkindern, Arztsöhnen und Professorentöchtern Paroli zu bieten.

Und wir können einfach mal das Label "Meinungselite" aus unseren Köpfen streichen und andere Meinungen aushalten. Wir können Dienstleister für unser Publikum sein. Nicht Oberlehrer.

Autorin: Christina Gruber, freie Autorin, Beraterin und Dozentin für Journalismus und Kommunikation 

kress.de-Tipp 1: Der Essay von Christina Gruber ist neben vielen weiteren spannenden Storys, Cases, Rankings und Studien in "kress pro" 6/2017 erschienen. Die Ausgabe gibt es in unserem Shop als E-Paper oder gedruckt - und im iKiosk.

"kress pro" - das Magazin für Führungskräfte bei Medien - erscheint wie kress.de im Medienfachverlag Oberauer. "kress pro"-Chefredakteur ist Markus Wiegand, Herausgeber Johann Oberauer. "Zum "kress pro"-Abo.

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 Marc Bartl


"Lasst uns ein metaphorisches kaltes Steak über unser blaues Auge legen und von dem bestürzenden Beispiel lernen - damit andere Journalisten im Land und in der Welt weiter von uns lernen können", schrieb William Safire am 12. Mai 2003 in der "New York Times". Tags zuvor hatte die Zeitung auf ihrer Titelseite einen Fall aufgedeckt, den sie selbst als den "Tiefpunkt ihrer 152-jährigen Geschichte" bewertete. Ihr Reporter Jayson Blair hatte systematisch Geschichten gefälscht, Zitate aus fremden Texten gestohlen und Feature-Elemente plagiiert.

In Deutschland rief der Skandal Erinnerungen an den Fall Tom Kummer wach. Der Schweizer Journalist wurde durch erfundene Interviews mit Hollywood-Stars berühmt. Als der Betrug auflog, mussten auch die Chefredakteure des "SZ-Magazins" gehen; sie hatten 19 Kummer-Geschichten publiziert. Als "Akt der journalistischen Sabotage" bezeichnete die "Süddeutsche Zeitung" den Vorfall später.

Sind Jayson Blair und Tom Kummer Einzelfälle? Saboteure, vor denen kein ambitioniertes Blatt sicher sein kann? Oder sind ihre Methoden die Droge, zu der immer mehr Redaktionen greifen, im Kampf um Leser, Quoten und Annoncen?

Keine Ausnahme für Schülerzeitungen

Wer andere verurteilt, sollte zunächst einen kritischen Blick auf die eigene Praxis werfen: Wie genau halten wir es mit der Wahrheit, wenn wir in der Schülerzeitung Lehrer denunzieren, ohne die Fakten zu kennen? Wenn wir Textpassagen aus anderen Zeitungen abschreiben und sie als unsere eigenen verkaufen? Wenn wir Fotos und Karikaturen aus dem Internet saugen, ohne auf das Copyright zu achten?

Glaubwürdigkeit und das Vertrauen der Leser sind die Basis aller journalistischen Arbeit. Eine Regel, die auch für Schülerzeitungen gilt, und zwar ausnahmslos. Das Prädikat "Schülerzeitung" darf keine Entschuldigung für verantwortungslosen Journalismus sein.

Ein Sammelband des SPIEGEL-Gründers Rudolf Augstein trägt den Titel: "Schreiben, was ist". Wer es damit hält, hat viel erreicht. Er fälscht nichts, verheimlicht nichts und erfindet auch nichts.

Dem bleibt immer noch entgegenzuhalten, dass Menschen Fehler machen, wenn sie Verantwortung tragen. Oder mit Johann Gottfried Seume: "Das Los der Menschen scheint zu sein nicht Wahrheit, sondern Ringen nach Wahrheit; nicht Freiheit und Gerechtigkeit, sondern Ringen danach."

Die Zwänge von Journalisten mögen begreifbar sein. Ebenso wie es jene von Schülerzeitungsredakteuren sind: Wenn der Redaktionsschluss naht und Verwertbares fehlt, mag die Verlockung mitunter groß sein, sich mit einem Klick im "Zeit"-Archiv seiner Probleme zu entledigen. Vertretbar ist sie nicht. Auch als Schülerzeitungsredakteure müssen wir uns einem journalistischen Ethos verpflichtet fühlen. Das bedeutet, die Ideen und Texte anderer zu respektieren, anstatt sie für eigene Artikel zu klauen. Das bedeutet auch, mit Schulinterna verantwortungsvoll umzugehen. Eine Reportage über Alkoholismus in der eigenen Schule muss ebenso durch Fakten belegt, durch eigene Recherche verifiziert sein wie ein Bericht in der "New York Times".

Respekt muss man sich erst verdienen

Anerkennung und Respekt sind Schülerzeitungen nicht per se gegeben. Sie müssen sie sich erst verdienen, bei Lehrern wie bei Schülern. Dazu braucht es Seriosität und Originalität. Ein Journalist, der gegen jene Maßstäbe verstößt, mit denen er andere zu messen pflegt, macht sich unglaubwürdig. Ein Journalist, der sich unglaubwürdig macht, macht sich unmöglich.

Schülerzeitungsredakteuren mag der eine oder andere Fehler verziehen werden. Holprige Sätze oder unklare Formulierungen sind insofern kein Drama. Lügen und Halbwahrheiten sind es schon. Der eherne Grundsatz der absoluten Gründlichkeit bei Fakten und Zitaten gilt ab dem Moment, ab dem man zu schreiben beginnt, ob im SPIEGEL oder in der Schülerzeitung - Ehrlichkeit ist keine Frage der Dimension. Wer Lehrersprüche erfindet oder dem Schulleiter Zitate in den Mund legt, handelt genauso unehrlich wie der Redakteur, der Interviews mit Prominenten aus Hollywood fälscht.

Die moderne Kommunikationstechnik, das Internet, Mobiltelefone und Online-Archive haben vieles einfacher gemacht, leider auch den Betrug. Agenturmaterial, Fotos und Berichte aus anderen Zeitungen können im Web ohne Zeitverzögerung erschlossen werden; die mobile Vernetzung macht den Reporter immer unabhängiger vom Ort des Geschehens und dem Zugang zu den Akteuren. Für Schülerzeitungsredakteure kann dies verlockend sein. Mit fremden Texten und Zitaten sieht das eigene Blatt gleich besser aus. Fehlt zum Bericht über den Irak-Krieg ein passendes Bild, wird kaum eine Schülerzeitung davor zurückschrecken, Fotos aus dem Internet zu übernehmen.

Ideenklau als Seuche

Aber auch das ist Diebstahl. Vielen scheint das so nicht bewusst zu sein. Geht jemand in einen Laden, um dort ein Buch zu klauen, ist der Fall eindeutig: Er ist ein Dieb. Aber was ist der Jugendliche, der auf Google ein Bild von George Bush sucht und es trotz Copyright- Bestimmungen später abdruckt?

Der Fall zeigt, dass der Umgang mit geistigem Eigentum im Zeitalter des Internets nicht nur ein juristisches Problem ist, sondern auch ein moralisches. Ideenklau ist die Seuche einer Gesellschaft, die von Ideen lebt. Das Internet verleitet zum leichtfertigen Umgang mit dem Eigentum anderer. Journalisten sollten sich daher besonders davor hüten; nicht vor dem Internet, sondern vor billigen Plagiaten. Schülerzeitungen sollten nur Fotos abdrucken, die sie auch selbst geschossen haben (zur Not hilft immer noch eine Zeichnung), und nur Artikel veröffentlichen, die sie auch selbst geschrieben und recherchiert haben.

Denn eines ist klar: Sich mit den Texten und Bildern anderer zu schmücken ist nichts anderes als das, was sich im Sport Doping nennt und dort zu Recht strikt verboten ist: das Vortäuschen einer Leistung, die man so nicht erbracht hat. Sportler, die dopen und dabei erwischt werden, haben das Vertrauen ihrer Fans auf immer verspielt. Journalisten, die Geschichten plagiieren oder erfinden, haben gleichsam das Vertrauen ihrer Leser verspielt. Beiden geschieht es recht.


* Maximilian Popp, 19, hat in diesem Jahr am Adalbert-Stifter-Gymnasium in Passau Abitur gemacht. Seine Schülerzeitung "Rückenwind" wurde beim SPIEGEL-Schülerzeitungswettbewerb 2003/2004 zum Gesamtsieger gekürt. Beim Wettbewerb 2004/2005 wurde "Rückenwind" für das beste Layout und das beste Titelbild ausgezeichnet.

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